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Reportage

Vorzeigeprojekt mit Pflegebedarf

Außenfassade Hängende Gärten in Margareten, Wien

Es ist ein sonniger Herbsttag. Im Schatten weht ein kühler Herbstwind, der das Laub über den Gehweg trägt. An der Schusswallgasse leuchten hängende Forsythien gelb und rostbraun im Sonnenlicht. Die Pflanzen haben sich durchgesetzt: Stolz thronen sie über der Straße in ihren Betontrögen. Um die Ecke hängen die Pflanzen an der Wiedner Hauptstraße von einem soliden Metallgerüst, das die Fassade bedeckt. Stahlseile spannen sich über die Vorderseite und laden Pflanzen zum Klettern ein. Wo sonst das kahle Stadtbild vorherrscht, zieren an diesem Ort die hängenden Gärten von Margareten das graue Stadtbild. Viele der Pflanzen sind bereits verdorrt – der Herbst hat seine Spuren hinterlassen. Oder ist es doch die mangelnde Pflege?

Ein Surren ertönt, die Eingangstür öffnet sich. Es geht vorbei an Briefkästen, die Treppe hinauf. Statt eine grüne Oase anzutreffen, finden sich im Inneren des Gebäudes kahle und dunkle Gänge. In den Fluren stehen lediglich ein paar Pflanzen, die einen besseren Eindruck als ihre Artgenossen an der Fassade machen. Hier und da sieht man Bewohner ihre Wohnungen betreten oder verlassen. Außer den eigenen Schritten hört man kaum etwas. Stolze 4.000€ zahlt man hier für den Quadratmeter, möchte man Eigentümer sein. Dafür kann man neben dem Wohnen aber auch auf einer der vielen Dachterassen den Blick über das Stadtpanorama von Wien genießen.

In der Stadt sind begrünte Fassaden in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema geworden. Sie verbessern die Lebensqualität und mindern die Folgen der baulichen Verdichtung in urbanen Räumen. Gerüstkletterer, Spalierobst, Sukkulenten & Co. bieten Vögeln und Insekten ein Zuhause – und helfen damit beim Artenschutz. Begrünungen filtern Schadstoffe aus der Luft, isolieren Wärme und bieten Schatten, der im Sommer das Gebäude kühlt.

Den Bewohnern der Wiedner Hauptstraße zumindest gefallen die hängenden Gärten. „Sehr schön“, sagt eine junge Dame in Sportkleidung, die erst vor ein paar Monaten in das Haus gezogen ist. Eine andere Dame lächelt: „Es ist einfach schön, hier zu wohnen.“ Dass die Wohnungen durch die Begrünung im Sommer tatsächlich kühler sind, glauben die meisten Bewohner nicht.

Auch der Hausbetreuer Herr M. kann sich das absolut nicht vorstellen. In der Schusswallgasse falle zwar die Sonneneinstrahlung weg, aber an der Wiedner Hauptstraße läge man sowieso sonnenseitig. „Da ist es nicht so, dass sich die Temperatur in den Wohnungen irgendwie verändert“, betont er. Schatten spendet die Begrünung aber dennoch, schwärmt eine Bewohnerin, die schon seit 16 Jahren hier wohnt.

Im Gegensatz zum babylonischen Weltwunder Semiramis ist die Bewässerung der Hängenden Gärten an der Wiedner Hauptstraße kein Geheimnis. Sie wird von einem Computer gesteuert. Je nach Jahreszeit und Temperatur stellt Herr M. ein, wie lange und wie oft bewässert werden soll. Der Rest läuft automatisch ab. Wenn es einige Tage hintereinander Temperaturen von über 30 Grad hat, müsse natürlich auch die Bewässerung entsprechend angepasst werden, sagt der Hausbetreuer. Zweimal am Tag für jeweils 15 Minuten müsse man mindestens bewässern. Im Mai und Anfang Juni eventuell eine halbe Stunde – wegen den höheren Temperaturen.

Schwieriger hingegen gestaltet sich die Pflege der hängenden Gärten. An der Schusswallgasse sei es laut M. einfach, weil man dort gut hinkomme. Anders sei das aber an der Wiedner Hauptstraße, wo die hängenden Gärten am Metallgerüst befestigt sind. Selbst mit einer Hebebühne sei die Pflege dort schwierig, betont er. Die Stahlseile zwischen den Betontrögen und dem Metallgerüst erschweren die Arbeit zusätzlich. Mittlerweile steht das Haus seit 16 Jahren, in dieser Zeit habe man zwei Gärtner gehabt, die über einen Kran neue Pflanzen eingesetzt haben. Er selbst könne das nicht, erklärt der Hausbetreuer. Es gebe keinen Zugang oder Steg, um an die Pflanzen zu gelangen.

Die hängenden Gärten an der Wiedner Hauptstraße sind ein Vorzeigeprojekt für Fassadenbegrünung in Wien. Doch sie bedürfen Pflege. Fassaden zu begrünen ist eine Sache, aber wer sorgt dafür, dass ihr Grün dem Bezirk auch erhalten bleibt? Die Hausbewohner zumindest, sind dafür nicht verantwortlich.